Großdemonstration und Kundgebung

Laut aber konstruktiv für Respekt, Energiesicherheit und Zukunftsperspektiven

Rund 30.000 Menschen gehen am Mittwoch im rheinischen Revier auf die Straße, um für Ihre Jobs zu demonstrieren - und für tragfähige Konzepte für den Strukturwandel. Adressat ihrer Forderungen ist unter anderem die Kommission „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“, die an diesem Tag in Bergheim tagt.

© lehnardt-imageworks
24.10.2018

Friedhelm Maaß ist richtig sauer. In 40 Jahren, die er nun schon bei RWE beschäftigt ist, hat er dergleichen noch nicht erlebt. „Das öffentliche Bild, das gerade von uns, unserer Branche und unserer Arbeit gezeichnet wird. geht gar nicht! Wir lassen uns nicht zu Sündenböcken stempeln.“ Man spürt, wie angefasst der 54-jährige Fahrsteiger im Tagebau ist.

Isabel Niesmann

Friedhelm Maaß Hofft auf eine gute Zukunft fürs Rheinische Revier: Friedhelm Maaß.

Maaß meint die Energiebranche, die Kohle, die zigtausende Menschen, die im Tagebau oder anderswo tagtäglich einen guten Job machen. Damit das Fundament der Industrie in Deutschland fest und verlässlich steht: eine sichere und bezahlbare Energieversorgung, ohne die dieses Land niemals diesen Wohlstand erreicht hätte.

Wie so viele der rund 30.000 Menschen, die am Mittwoch im Rheinischen Revier unter dem Motto „Wir sind laut für unsere Jobs!“ auf die Straße gegangen sind, ist Maaß ganz sicher niemand, dem die Umwelt, die Zukunft unseres Planeten gleichgültig ist – obgleich er und viele seiner Kolleginnen und Kollegen irgendwann zu denen gehören könnten, die die Zeche für die Energiewende zahlen.

Was ihn und die anderen auf die Straße bringt, ist neben der Sorge um den Job vor allem der Stil, in dem die Diskussion um den Kohleausstieg geführt wird: „Es wird in der Debatte heftig vereinfacht und einseitig zugespitzt. Jeder, der vernünftigen Einwände gegen einen unüberlegten Ausstieg aus der Kohle bringt, jeder, der anmahnt, erst mal gründlich über die Konsequenzen nachzudenken, wird sofort zum Feind gestempelt.“ Dies sei umso schlimmer, weil kaum jemand eine Ahnung habe, wie sehr vor allem die energieintensiven Branchen an einer zuverlässigen Energieversorgung hingen – und damit hunderttausende Jobs.

Dass ein Gutteil der öffentlichen Diskussion um den Kohleausstieg längst alle Graustufen, alle Differenzierungen verloren hat, ist schlimm genug. Dass in dieser zunehmenden Entsachlichung RWE-Mitarbeiter bedroht und Braunköhler – wenigstens indirekt - in die Nähe von Nazis gerückt werden, ist unerträglich, geht gegen die Würde. So wundert es nicht, dass unter den vielen Transparenten, die der Sorge vor Stellenabbau und einer kopflos durchgeknüppelten Energiewende Ausdruck verleihen, auch Slogans auftauchen, die diese Attacken unter der Gürtellinie aufgreifen. „Wir sind keine Dreckschweine, wir sind Menschen!“, ist unter anderem zu lesen.

Anstand im Umgang mit Menschen und ihrer Zukunft – und Um- und Weitsicht im Umgang mit einem Thema, von dem Wohlstand und Sicherheit eines ganzen Landes abhängen: Das sind die Kernbotschaften, die die 30.000 der Kommission „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“ anlässlich dieses von IG BCE und Ver.di organisierten Aktionstages mit auf dem Weg geben wollen. Das Gremium, das indirekt auch über die berufliche Zukunft von Friedhelm Maaß und zahllosen Kollegen mitentscheidet, tagt just an diesem Tag in Bergheim, jenem Ort von dem aus sich der Demonstrationszug in Bewegung setzt. Dort übergeben Beschäftigte aus dem Tagebau Hambach mehr als 27.000 Unterschriften von Menschen aus der Region, die den Revierappell von IG BCE und Ver.di unterstützen, an Matthias Platzeck, einem der Kommissionsvorsitzenden. Ihre Forderung: Ehrliche Perspektiven und ein nachhaltig tragfähiges Zukunftskonzept für das rheinische Revier und seine Beschäftigten. Noch im Oktober soll die Kommission einen Zwischenbericht verabschieden, in dem es zunächst nur um den Strukturwandel und neue Jobs in den Kohlerevieren gehen soll.

Markus Feger

Michael Vassiliadis, Vorsitzender der IG BCE Michael Vassiliadis: „Wir lassen uns nicht zum Opfer von Zechprellern machen, die in der Klimapolitik das Blaue vom Himmel versprechen, andere aber die Rechnung bezahlen lassen“

Bei der anschließenden Kundgebung in Elsdorf bringt der IG-BCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis die Stimmung vieler Anwesenden auf den Punkt: „Wir lassen uns nicht zum Opfer von Zechprellern machen, die in der Klimapolitik das Blaue vom Himmel versprechen, andere aber die Rechnung bezahlen lassen“ Vassiliadis kritisiert die Selbstgefälligkeit der Politik und die Missachtung jener Menschen, die dafür sorgen, dass in Deutschland die Maschinen nicht still stehen – auch über die Energiewende hinaus. Nicht die Politik würde die geforderten Gaskraftwerke bauen. „Das machen die Beschäftigten von RWE, LEAG und Mibrag, von Uniper und Steag. Es sind unsere Leute in den Stadtwerken, die das machen. Niemand sonst!“

Den Teilnehmern, die die Veranstaltung immer wieder mit den kraftvollen Klängen von Pfeifen, Tröten, Trommeln, Heulern und Sirenen untermalen, ruft Vassiliadis zu: „Diese Kundgebung ist ein überwältigendes Signal der Solidarität. Die Kolleginnen und Kollegen verlangen Respekt dafür, dass sie jeden Tag gute Arbeit machen.“

Dem stimmt auch Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet zu – und betont einmal mehr die Bedeutung der Stromversorgung für die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. Schließlich beschäftigten die energieintensiven Industrien allein in NRW mehr als 250.000 Menschen. „Da sagt ja jeder: Naja, das Licht wird hier schon nicht ausgehen. Das mag sein“. Aber in bestimmten Zweigen reichten wenige Sekunden der Unterversorgung, um Arbeitsplätze zu vernichten. Deshalb, so Laschet, gelte es Ökologie und Wirtschaftlichkeit unter einen Hut zu bringen: „Klimaziel erreichen und Industrieland bleiben: Das ist die Aufgabe unserer Generation.“

Ideologische Grabenkämpfe überwinden, zurück zu Respekt und einer sachlichen Debatte, damit sowohl für die Umwelt als auch für den durch Kohleausstieg und Energiewende forcierten Strukturwandel endlich vernünftige Lösungen und echte Zukunftsperspektiven auf den Tisch kommen: Es gibt wohl kaum etwas, dass sich Friedhelm Maaß und seine Mitstreiter mehr wünschen. „Ich habe diese Hoffnung nicht nur für mich, sondern vor allem meine zwei Kinder“, sagt Maaß. „Schließlich sollen auch sie einen guten Job und eine gute Zukunft haben.“

  • Foto: 

    markus j. feger

    Lautstark für sichere Jobs: Die IG-BCE-Vorstände Ralf Sikorski und Michael Vassiliadis führen den Zug an.

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