Tendenzen - Chemie-Tarifrunde 2019

Meilen entfernt

Start in die Chemie-Runde: Die IG BCE setzt in den Verhandlungen auf Tarifinnovationen für die 580.000 Beschäftigten, den Arbeitgebern fällt nicht mehr ein als Wehklagen.

Regina Sablotny

28.10.2019
  • Von: Lars Ruzic

Es war ein Novum für Tarifverhandlungen in der chemisch-pharmazeutischen Industrie. Gleich die erste Runde der Gespräche auf Bundesebene in Hannover wurde auf zwei Tage angesetzt. Der Grund liegt auf der Hand: IG BCE und Arbeitgeber verhandeln über ein umfangreiches Paket von Tarifinnovationen, das sich nicht so leicht schnüren lässt wie ein Abschluss, in dem es "nur" um Lohnzuwächse geht. "Wir wollen deutlich machen, dass diese Branche Innovation und Zukunft gestalten kann", sagte IG-BCE-Verhandlungsführer Ralf Sikorski gleich zu Beginn der Verhandlungen.

Das heißt viel Detailarbeit. Denn in dieser Tarifrunde sollen die großen Herausforderungen der Branche in Angriff genommen werden: Arbeitsverdichtung, Digitalisierung, Demografie. Die IG BCE fordert für die 580 000 Beschäftigten der Chemie die Einrichtung eines tariflich abgesicherten, persönlichen Zukunftskontos in Höhe von jährlich 1.000 Euro, über das alle Beschäftigten, einschließlich der Auszubildenden, individuell verfügen können. Der Betrag soll in freie Tage umgewandelt und auch über mehrere Jahre "angespart" werden können – etwa um ihn in bestimmten Lebensphasen zu nutzen. Der Betrag ist tarifdynamisch zu gestalten.

Gleichzeitig fordert die IG BCE eine spürbare und reale Erhöhung der Entgelte und Ausbildungsvergütungen, die Entwicklung einer Qualifizierungsoffensive zur Begleitung des digitalen Wandels sowie die Einführung der bundesweit ersten tariflichen Pflegezusatzversicherung. Sie wird durch die Arbeitgeber finanziert und schließt bei Eintritt des Pflegefalls die Finanzierungslücke zur gesetzlichen Vorsorge. Die Laufzeit des Tarifvertrags ist abhängig vom Gesamtpaket.

Die Arbeitgeberseite zeigt sich zu Beginn der Bundesverhandlungen – wie auch schon in den Wochen zuvor bei den Gesprächen auf regionaler Ebene – wenig offen für die Forderungen. Sie argumentieren, in der wirtschaftlichen Abschwungphase gebe es nichts zu verteilen, bringen öffentlich zuvor gar eine "Nullrunde" ins Gespräch.

Dem setzen die Gewerkschafter in der Debatte über die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen Fakten entgegen. Etwa, dass in einer aktuellen Betriebsräteumfrage der IG BCE 55 Prozent der Interviewten davon berichteten, dass in allen Unternehmensbereichen die Belastungen für die Beschäftigten deutlich gestiegen seien. Oder dass die Personalkosten in der Chemie mit 14 Prozent vom Umsatz seit Jahren auf einem im Industrievergleich niedrigem Niveau liegen und deshalb keineswegs Kostentreiber Nummer eins seien.

Am Ende brachten so auch die ersten beiden Verhandlungstage noch keine Einigung. "Wir sind noch meilenweit voneinander entfernt", umschrieb es Verhandlungsführer Ralf Sikorski, gleichzeitig stellvertretender Vorsitzender der IG BCE. Es sei dringend nötig, nun stärker in die Sacharbeit einzutauchen. So blieb nur die Vertagung auf Ende November. Auch dann werden sich beide Seiten wieder zwei Tage am Stück zusammensetzen.

Roadmap Arbeit 4.0

Die Forderungen der IG BCE basieren zu einem Gutteil auf Verabredungen, die mit den Arbeitgebern bereits in der vergangenen Tarifrunde getroffen wurden. Dazu gehört etwa, dass man das Thema Arbeitsbelastung auch mit der Wahloption Geld in Zeit angehen will. Oder dass es eine Qualifizierungsoffensive zur Bewältigung des digitalen Wandels geben müsse. Hierzu gab es in den vergangenen Monaten bereits erste Vorgespräche.

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